Günter Rohrmoser (1927-2008), Ansporn und Vorbild

Der nachstehende Text wurde bereits 2008 zum Tode des Philosophen Günter Rohrmoser geschrieben. Nächstes Jahr wäre bereits sein 100. Geburtstag. Das sollte nicht vergessen werden. (VK 08.04.2026)

Von Volker Kempf

Günter Rohrmoser wurde 1961 mit seiner Habilitationsschrift über Subjektivität und Verdin­g­li­chung. Theologie und Gesellschaft im Denken des jungen Hegel zu einem  Hochschul­ge­lehr­ten, dem allerdings die seltene Gabe eigen war, die Selbstbezüglichkeit der aka­de­misch eta­blier­ten Philosophie zu sprengen. Philosophie wurde in Rohrmosers Denken zu dem, was sie ursprünglich schon immer war: Liebe zur Weisheit. Damit erinnert Rohr­moser an Sokrates, der Denken mit dem Mut verband, notfalls auch allein gegen alle zu stehen.

In der Vorrede zu Rohrmosers 1970 veröffentlichtem Buch Das Elend der kritischen Theorie heißt es: „Es entbehrt nicht einer gewissen Frag­würdigkeit, in einer Zeit, in der die akade­misch etablierte Philosophie durch Forma­li­sie­rung, Historisierung und spekulative Gespinste Theorie möglichst risikolos erscheinen läßt, Kri­tik gegen eine Theorie zu richten, die mehr riskiert als je eine Philosophie seit Nietzsche.“ Was der Kathederphilosophie gemeinhin abgeht, ist, dem Ernst der Lage kompromißlos zuzu­denken. Der Ernst, um nicht zu sagen Der Ernstfall, ist es, den Rohrmoser immer wieder herausarbeitete.

Warum aber Nietzsche? Wie Nietzsche voraussah, bleibt unter den Bedingungen einer Um­wer­tung aller Werte im Zeitalter des Nihilismus „nur die Ästhetik, aus der die radikale Ver­neinung des Bestehenden ihre innersten Impulse und Antriebe bezieht“, formuliert Rohrmoser 1978 in einer weiteren Vorrede. Aber Rohrmoser geht in seiner Analyse der radikalen Ableh­nung des Beste­hen­den noch weiter, wenn er die geistigen, kulturellen, ethischen, ästhetischen und geschicht­li­chen Voraus­setzungen, Grundlagen und Hintergründe von Kulturrevolution und Gewalt­men­ta­lität unter­sucht. So schreckt Rohr­mosers grundlegende Reflexion über die Ver­fas­sung der Bun­desrepublik Deutschland 1977 – im Auftrag einer von der Bundes­re­gierung eingesetzten Enquete-Kommission – auch vor einer „Philo­sophie des Ter­ro­rismus“ nicht zurück, die die transzendental-religiösen Ursachen der exzessiven Neuen Linken nur an einem Extrem­bei­spiel verdeutlicht. Die Ablehnung der in Jahrtausenden gewachsenen christ­lich-abend­ländischen Tradition ist für Rohrmoser gleichbedeutend mit Kulturverfall und begünstigte die seinerzeit aufgekommene Gewaltmentalität. Rohrmoser hebt die „geistig-poli­tische Auseinan­der­­setzung“ als das wirksamste Mittel gegen den Terrorismus hervor. Wo das nicht hin­rei­chend gelingt, konnte Rohrmoser nur von einer Krise der politischen Kultur spre­chen.

Das fand seinerzeit Anklang. Doch aus den aufgezeigten Problemen hat die Ge­sell­schaft der Bun­desrepublik Deutschland bis heute nicht herausgefunden. Symptoma­tisch hierfür darf gelten, daß Jürgen Habermas zur geistigen Leitfigur Deutschlands aufstieg, wäh­rend sein Kri­tiker Rohr­moser selbst in der CDU Anfang der 1980er Jahre noch von Generalsekretär Heiner Geißler mit einem Totschweigegebot bedacht wurde. Rohrmoser, so hoffte Geißler, werde nur mehr ein biologisches Problem darstellen, also wie nun geschehen sterben und damit erledigt sein. Rohrmoser hatte dies immer wieder gerne aufgegriffen und betont, daß es sich Geißler sehr einfach mache. So leicht seien die von ihm behandelten Probleme nicht aus der Welt zu schaffen, auch nicht die Kritik Rohrmosers an der von Kohl uneingelöst geblie­benen „geistig-moralischen Wende“.

Nicht so bekannt wie Rohr­mosers Überlegungen über Terrorismus und Kulturrevolution ist seine Phi­lo­­sophie der ökologischen Krise; sie ist sicher auch weniger umfang­reich, weiß aber  um die Endlichkeit natür­li­cher Ressourcen und die damit ver­­bundene Eigenmacht der Natur. Das sollte gerade für die Ära nach dem Kalten Krieg von Bedeutung sein. Denn die Pro­ble­matik der Erschöpfbarkeit der Natur kommt weder bei Karl Marx noch bei neoliberalen Theo­re­­tikern vor, bei denen aber die Herrschaft des Men­schen mittels Technik zu einem „Heilsziel“ wurde. Dieses Heilsziel bleibe nun unerfüllt, wie Rohrmoser 2006 in sei­nem Buch Konser­va­tives Denken im Kontext der Mo­derne ausführt.

Die Ordnung der Welt von heute ist in ihrer Sub­stanz nicht ideolo­gisch, soziologisch oder ökono­misch hinreichend zu fassen. Viel­mehr gilt es die „Wie­derkehr der Religion“ im 21. Jahr­­hundert zu begreifen. Hierbei kommt heute dem Islam eine Schlüsselrolle zu, weshalb Rohrmoser im Frühjahr 2007 in seinem Vor­trag über „Globalisierung und die Zukunft der Na­tio­­nal­kulturen“ auch aus­spricht, daß dieser eine neue Her­aus­forderung darstelle und die Frage aufwerfe: „ob Europa“ ihr eine „in ihrer Erscheinung und Durch­führung kulturell … begrün­dete Antwort ent­gegen­zu­stellen vermag“. Kurz: „Die Sub­stanz der Politik ist Kultur und Reli­gion und das zu begreifen fällt unendlich schwer.“ Wenn aber jemand dieses schwer zu Begreifende ver­mitteln konnte, dann war dies Günter Rohrmoser.

 

So groß Rohrmosers Bereitschaft war, unbequeme Gedanken klar und deutlich auszu­spre­chen, so sehr gilt auch für ihn, daß er nicht allein weise sein wollte. So versammelte Rohr­mo­ser auf seiner Ge­burtstagsfeier vom 1. Dezember 2007 im Schloß Hohenheim viele großar­tige Per­sön­lich­keiten um sich. Davon legt die von Philipp Jenninger, Rolf W. Peter und Ha­rald Seubert herausgegebene Fest­schrift Tamen! Ge­gen den Strom. Günter Rohr­moser zum 80. Geburtstag beredt Zeug­nis ab. Nicht nur, daß hier der junge Phi­lo­sophie­professor Harald Seu­bert – auf 50 Seiten – eine bemer­kens­werte Gesamt­darstellung des Den­kens von Rohrmoser vor­legt. Die umfang­reiche Festschrift macht zudem deutlich, daß Rohr­moser ein geistiges Zen­­trum konservativen Denkens der Gegenwart wurde, aus dem Kir­chen­vertreter ebenso schöpfen können wie Politiker. Das gilt namentlich für Kardinal Meisner und Bischof Walter Mixa genauso wie für Philipp Jenninger und Hans Filbinger. Letzterer hat seinen Beitrag wenige Tage vor seinem Tod abgeliefert. Die wohl letzten in eine Abhandlung gefaßten Worte Filbingers gelten dem Widerstand gegen einen Zeitgeist, wie er im „Kampf gegen Rechts“ als „political correctness“ daherkommt. Filbinger kann dabei auf mehrere Jahr­zehnte aktiv mitgestaltete Zeitgeschichte zurückblicken und so den gesellschaft­lichen Wandel sicht­bar machen, der sich seit Ende der 1960er Jahren vollzog. Dabei könnte, was Filbinger seiner Partei ins Stammbuch schreibt, ebenso von Rohrmoser formuliert sein: „Die CDU/CSU als Vertreterin des Bürgertums war nicht imstande und mittlerweile sogar nicht einmal mehr gewillt, auf diese Herausforderung, die uns die Achtundsechziger Bewe­gung beschert hat, eine angemessene Antwort zu for­mu­lieren. Und warum hat sie das nicht getan? Weil sich die Union nicht an ihrer Basis, sondern an den linksliberalen Medien orientiert hat und daher den Weg der Grünen und der Sozial­de­mokratie geht.“ Filbinger ist sich sicher, daß Rohr­moser heute als bestätigt angesehen werden muß, wenn er gegen die „Irrtümer des Zeitgeistes“ immer wieder die „Werte unserer zweitau­send­jährigen Kultur und Geschichte“ ins Feld führt. Das Scheitern der großen Ideologien im 20. Jahrhundert ist Filbinger zufolge evident und das orientierungslose „Anything goes“ nur eine Parole, die nicht weiterhelfe.

Auch der Rechtsgelehrte Martin Kriele geht auf das Phänomen der „political correct­ness“ ein. Das Spannungs­verhältnis von „Ehrenschutz und Meinungsfreiheit“ habe sich in der Recht­sprechung zu letzterem hin verschoben. Das bedeute, daß unzu­tref­fende, aber ehr­verletzende Behaup­tun­gen im heutigen Rechts­rah­­men um so leichter öffentlich auszu­sprechen sind, je mehr sie mit per­sönlichen Wertungen ver­­mengt wer­den. Damit werde es vor allem leicht zu diffamieren, aber nicht, politisch bri­sante Inhalte zu diskutieren. Denn „je hemmungs­loser die Angriffe auf die per­sön­liche Ehre geführt werden dürfen, desto mächtiger werden diejenigen, die über die Instru­­mente des Ruf­mords verfügen.“ Gemeint sind hier als Instrumente vor allem die Medien. Die Folge ist Kriele zufolge, daß wer sich am öffentlichen Leben betei­ligt, de facto über keinerlei Rechts­schutz gegen Diffa­mie­rungskampagnen verfügt. Der Herr­schaft der „political correct­ness“ werde so Vorschub geleistet und damit einem intel­lektuellen und mora­­­lischen Qualitäts­ver­lust der liberalen Demokratie. Kriele fordert in praktischer Konse­quenz in der Rechtsprechung eine Korrektur zugunsten des Ehren­schutzes. Auch das setzt vor­aus, daß die Verantwortlichen den Ernst der Lage begreifen, den Rohrmoser in Abhand­lungen über die „political correctness“ deutlich macht.

Was die Beiträger des Krei­ses um Rohrmoser – 58 an der Zahl! – ver­bindet ist die Über­zeu­gung, daß es ein Recht auf Irrtum geben muß. Denn nur mit einem solchen ein­geräumten Recht – das ein Kernstück der Ritter-Schule ist, aus der Rohrmoser stammt –, läßt es sich unbe­fangen denken. Die Unbe­fan­genheit ist für Rohrmoser ganz im Sinne Kants eine Vor­aus­setzung für das Selber­denken, wie er 1999 in Kampf um die Mitte darlegt und es daher ent­schie­­den mit der „political correctness“ und ihren Hegemonial­an­sprüchen aufnimmt (in Kon­servatives Denken im Kontext der Moderne wird das noch vertieft).

Wer in Deutschland den Eindruck gewinnt, um ein unbefangenes Denken ist es in öffent­li­chen Äuße­­­rungen schlecht bestellt, wird sich darüber freuen, was in der erwähnten Festschrift des wei­teren Meinhard Mie­gel, Ernst Nolte, Christa Meves, Ulrich Schacht, Manfred Rom­mel, Caspar von Schrenck-Notzing, Hermann Lübbe, Robert Spaemann, Klaus von Dohnanyi, Kurt Biedenkopf, Michael Wolfs­sohn und andere mehr zu Papier gebracht haben. So kann man sich anläßlich des am 15. September 2008 eingetretenen Todes von Günter Rohrmoser nur damit trösten, daß die Gabe, sich geistig über die Gegen­wart zu erhe­ben, in bestimmten Krei­­sen durchaus verbreitet ist. Dessen ungeachtet hinterläßt Rohr­moser eine große Lücke; er wird all jenen, die über einen Blick für wahre Größe verfügen, Ansporn und Vorbild bleiben.

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