Der nachstehende Text wurde bereits 2008 zum Tode des Philosophen Günter Rohrmoser geschrieben. Nächstes Jahr wäre bereits sein 100. Geburtstag. Das sollte nicht vergessen werden. (VK 08.04.2026)
Von Volker Kempf
Günter Rohrmoser wurde 1961 mit seiner Habilitationsschrift über Subjektivität und Verdinglichung. Theologie und Gesellschaft im Denken des jungen Hegel zu einem Hochschulgelehrten, dem allerdings die seltene Gabe eigen war, die Selbstbezüglichkeit der akademisch etablierten Philosophie zu sprengen. Philosophie wurde in Rohrmosers Denken zu dem, was sie ursprünglich schon immer war: Liebe zur Weisheit. Damit erinnert Rohrmoser an Sokrates, der Denken mit dem Mut verband, notfalls auch allein gegen alle zu stehen.
In der Vorrede zu Rohrmosers 1970 veröffentlichtem Buch Das Elend der kritischen Theorie heißt es: „Es entbehrt nicht einer gewissen Fragwürdigkeit, in einer Zeit, in der die akademisch etablierte Philosophie durch Formalisierung, Historisierung und spekulative Gespinste Theorie möglichst risikolos erscheinen läßt, Kritik gegen eine Theorie zu richten, die mehr riskiert als je eine Philosophie seit Nietzsche.“ Was der Kathederphilosophie gemeinhin abgeht, ist, dem Ernst der Lage kompromißlos zuzudenken. Der Ernst, um nicht zu sagen Der Ernstfall, ist es, den Rohrmoser immer wieder herausarbeitete.
Warum aber Nietzsche? Wie Nietzsche voraussah, bleibt unter den Bedingungen einer Umwertung aller Werte im Zeitalter des Nihilismus „nur die Ästhetik, aus der die radikale Verneinung des Bestehenden ihre innersten Impulse und Antriebe bezieht“, formuliert Rohrmoser 1978 in einer weiteren Vorrede. Aber Rohrmoser geht in seiner Analyse der radikalen Ablehnung des Bestehenden noch weiter, wenn er die geistigen, kulturellen, ethischen, ästhetischen und geschichtlichen Voraussetzungen, Grundlagen und Hintergründe von Kulturrevolution und Gewaltmentalität untersucht. So schreckt Rohrmosers grundlegende Reflexion über die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland 1977 – im Auftrag einer von der Bundesregierung eingesetzten Enquete-Kommission – auch vor einer „Philosophie des Terrorismus“ nicht zurück, die die transzendental-religiösen Ursachen der exzessiven Neuen Linken nur an einem Extrembeispiel verdeutlicht. Die Ablehnung der in Jahrtausenden gewachsenen christlich-abendländischen Tradition ist für Rohrmoser gleichbedeutend mit Kulturverfall und begünstigte die seinerzeit aufgekommene Gewaltmentalität. Rohrmoser hebt die „geistig-politische Auseinandersetzung“ als das wirksamste Mittel gegen den Terrorismus hervor. Wo das nicht hinreichend gelingt, konnte Rohrmoser nur von einer Krise der politischen Kultur sprechen.
Das fand seinerzeit Anklang. Doch aus den aufgezeigten Problemen hat die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland bis heute nicht herausgefunden. Symptomatisch hierfür darf gelten, daß Jürgen Habermas zur geistigen Leitfigur Deutschlands aufstieg, während sein Kritiker Rohrmoser selbst in der CDU Anfang der 1980er Jahre noch von Generalsekretär Heiner Geißler mit einem Totschweigegebot bedacht wurde. Rohrmoser, so hoffte Geißler, werde nur mehr ein biologisches Problem darstellen, also wie nun geschehen sterben und damit erledigt sein. Rohrmoser hatte dies immer wieder gerne aufgegriffen und betont, daß es sich Geißler sehr einfach mache. So leicht seien die von ihm behandelten Probleme nicht aus der Welt zu schaffen, auch nicht die Kritik Rohrmosers an der von Kohl uneingelöst gebliebenen „geistig-moralischen Wende“.
Nicht so bekannt wie Rohrmosers Überlegungen über Terrorismus und Kulturrevolution ist seine Philosophie der ökologischen Krise; sie ist sicher auch weniger umfangreich, weiß aber um die Endlichkeit natürlicher Ressourcen und die damit verbundene Eigenmacht der Natur. Das sollte gerade für die Ära nach dem Kalten Krieg von Bedeutung sein. Denn die Problematik der Erschöpfbarkeit der Natur kommt weder bei Karl Marx noch bei neoliberalen Theoretikern vor, bei denen aber die Herrschaft des Menschen mittels Technik zu einem „Heilsziel“ wurde. Dieses Heilsziel bleibe nun unerfüllt, wie Rohrmoser 2006 in seinem Buch Konservatives Denken im Kontext der Moderne ausführt.
Die Ordnung der Welt von heute ist in ihrer Substanz nicht ideologisch, soziologisch oder ökonomisch hinreichend zu fassen. Vielmehr gilt es die „Wiederkehr der Religion“ im 21. Jahrhundert zu begreifen. Hierbei kommt heute dem Islam eine Schlüsselrolle zu, weshalb Rohrmoser im Frühjahr 2007 in seinem Vortrag über „Globalisierung und die Zukunft der Nationalkulturen“ auch ausspricht, daß dieser eine neue Herausforderung darstelle und die Frage aufwerfe: „ob Europa“ ihr eine „in ihrer Erscheinung und Durchführung kulturell … begründete Antwort entgegenzustellen vermag“. Kurz: „Die Substanz der Politik ist Kultur und Religion und das zu begreifen fällt unendlich schwer.“ Wenn aber jemand dieses schwer zu Begreifende vermitteln konnte, dann war dies Günter Rohrmoser.
So groß Rohrmosers Bereitschaft war, unbequeme Gedanken klar und deutlich auszusprechen, so sehr gilt auch für ihn, daß er nicht allein weise sein wollte. So versammelte Rohrmoser auf seiner Geburtstagsfeier vom 1. Dezember 2007 im Schloß Hohenheim viele großartige Persönlichkeiten um sich. Davon legt die von Philipp Jenninger, Rolf W. Peter und Harald Seubert herausgegebene Festschrift Tamen! Gegen den Strom. Günter Rohrmoser zum 80. Geburtstag beredt Zeugnis ab. Nicht nur, daß hier der junge Philosophieprofessor Harald Seubert – auf 50 Seiten – eine bemerkenswerte Gesamtdarstellung des Denkens von Rohrmoser vorlegt. Die umfangreiche Festschrift macht zudem deutlich, daß Rohrmoser ein geistiges Zentrum konservativen Denkens der Gegenwart wurde, aus dem Kirchenvertreter ebenso schöpfen können wie Politiker. Das gilt namentlich für Kardinal Meisner und Bischof Walter Mixa genauso wie für Philipp Jenninger und Hans Filbinger. Letzterer hat seinen Beitrag wenige Tage vor seinem Tod abgeliefert. Die wohl letzten in eine Abhandlung gefaßten Worte Filbingers gelten dem Widerstand gegen einen Zeitgeist, wie er im „Kampf gegen Rechts“ als „political correctness“ daherkommt. Filbinger kann dabei auf mehrere Jahrzehnte aktiv mitgestaltete Zeitgeschichte zurückblicken und so den gesellschaftlichen Wandel sichtbar machen, der sich seit Ende der 1960er Jahren vollzog. Dabei könnte, was Filbinger seiner Partei ins Stammbuch schreibt, ebenso von Rohrmoser formuliert sein: „Die CDU/CSU als Vertreterin des Bürgertums war nicht imstande und mittlerweile sogar nicht einmal mehr gewillt, auf diese Herausforderung, die uns die Achtundsechziger Bewegung beschert hat, eine angemessene Antwort zu formulieren. Und warum hat sie das nicht getan? Weil sich die Union nicht an ihrer Basis, sondern an den linksliberalen Medien orientiert hat und daher den Weg der Grünen und der Sozialdemokratie geht.“ Filbinger ist sich sicher, daß Rohrmoser heute als bestätigt angesehen werden muß, wenn er gegen die „Irrtümer des Zeitgeistes“ immer wieder die „Werte unserer zweitausendjährigen Kultur und Geschichte“ ins Feld führt. Das Scheitern der großen Ideologien im 20. Jahrhundert ist Filbinger zufolge evident und das orientierungslose „Anything goes“ nur eine Parole, die nicht weiterhelfe.
Auch der Rechtsgelehrte Martin Kriele geht auf das Phänomen der „political correctness“ ein. Das Spannungsverhältnis von „Ehrenschutz und Meinungsfreiheit“ habe sich in der Rechtsprechung zu letzterem hin verschoben. Das bedeute, daß unzutreffende, aber ehrverletzende Behauptungen im heutigen Rechtsrahmen um so leichter öffentlich auszusprechen sind, je mehr sie mit persönlichen Wertungen vermengt werden. Damit werde es vor allem leicht zu diffamieren, aber nicht, politisch brisante Inhalte zu diskutieren. Denn „je hemmungsloser die Angriffe auf die persönliche Ehre geführt werden dürfen, desto mächtiger werden diejenigen, die über die Instrumente des Rufmords verfügen.“ Gemeint sind hier als Instrumente vor allem die Medien. Die Folge ist Kriele zufolge, daß wer sich am öffentlichen Leben beteiligt, de facto über keinerlei Rechtsschutz gegen Diffamierungskampagnen verfügt. Der Herrschaft der „political correctness“ werde so Vorschub geleistet und damit einem intellektuellen und moralischen Qualitätsverlust der liberalen Demokratie. Kriele fordert in praktischer Konsequenz in der Rechtsprechung eine Korrektur zugunsten des Ehrenschutzes. Auch das setzt voraus, daß die Verantwortlichen den Ernst der Lage begreifen, den Rohrmoser in Abhandlungen über die „political correctness“ deutlich macht.
Was die Beiträger des Kreises um Rohrmoser – 58 an der Zahl! – verbindet ist die Überzeugung, daß es ein Recht auf Irrtum geben muß. Denn nur mit einem solchen eingeräumten Recht – das ein Kernstück der Ritter-Schule ist, aus der Rohrmoser stammt –, läßt es sich unbefangen denken. Die Unbefangenheit ist für Rohrmoser ganz im Sinne Kants eine Voraussetzung für das Selberdenken, wie er 1999 in Kampf um die Mitte darlegt und es daher entschieden mit der „political correctness“ und ihren Hegemonialansprüchen aufnimmt (in Konservatives Denken im Kontext der Moderne wird das noch vertieft).
Wer in Deutschland den Eindruck gewinnt, um ein unbefangenes Denken ist es in öffentlichen Äußerungen schlecht bestellt, wird sich darüber freuen, was in der erwähnten Festschrift des weiteren Meinhard Miegel, Ernst Nolte, Christa Meves, Ulrich Schacht, Manfred Rommel, Caspar von Schrenck-Notzing, Hermann Lübbe, Robert Spaemann, Klaus von Dohnanyi, Kurt Biedenkopf, Michael Wolfssohn und andere mehr zu Papier gebracht haben. So kann man sich anläßlich des am 15. September 2008 eingetretenen Todes von Günter Rohrmoser nur damit trösten, daß die Gabe, sich geistig über die Gegenwart zu erheben, in bestimmten Kreisen durchaus verbreitet ist. Dessen ungeachtet hinterläßt Rohrmoser eine große Lücke; er wird all jenen, die über einen Blick für wahre Größe verfügen, Ansporn und Vorbild bleiben.