Im vorliegenden Buch Auf der Suche nach den Tieren in der deutschen Soziologie „handelt es sich um eine Voruntersuchung. Denn „Auf der Suche nach Wirklichkeit in der Mensch-Nutztier-Beziehung“ selbst sich zu befinden, bleibt mit Hilfe der qualitativen Sozialforschung dem gleichnamigen Folgewerk vorbehalten, welches der Verfasser parallel vorlegt. Wer hier Schelskys Buchtitel „Auf der Suche nach Wirklichkeit“ heraushört, liegt nicht falsch. Eine vorangegangene intensivere Beschäftigung mit diesem Vertreter der deutschen Soziologie wird Spuren hinterlassen haben. Schelsky selbst kann mit seiner Studie zur deutschen Familie von 1953 auch als Pionier der qualitativen Sozialforschung gelten.
Wenn es hier jemandem zu danken gilt, dann dem Politologen und Tierrechtler Edgar Guhde (1936–2017), mit dem der Verfasser von Mitte der 1990er bis Mitte der 2000er Jahre viele Gespräche führte. Dieser Verfasser des Lehrbuches Natur und Gesellschaft (1984) war in den 1950er Jahren politischer Häftling in der DDR und wurde zum Kritiker jeder Verklärung des Sozialismus. Auch die von [Birgit] Mütherich geschätzte Frankfurter Schule mit ihrer Kritischen Theorie sah Guhde selbst kritisch. In diesem Punkt muss zwischen dem Düsseldorfer Guhde und der Dortmunderin Mütherich, die sich nach den Erzählungen des ersteren von Tierschutzdemonstrationen her kannten, ein Dissens bestanden haben. Dass in der Marktwirtschaft für die Tiere nicht alles nur zum Besten bestellt ist, wusste auch Guhde nur zu gut. Er schätzte aber den mit der Sozialen Marktwirtschaft konzeptionell eng verbundenen Alexander Rüstow sehr (der in dem eben genannten Lehrbuch zwar nicht erwähnt wird, dafür sein gleichgerichteter Weggefährte Wilhelm Röpke als „hellsichtig auf die kulturellen Deformationen einer maßlosen materiellen Expansion hin“). Das blieb ein Wink für den damaligen Studenten, dem nachzugehen sich mit dieser Studie die Gelegenheit bot.
Ein Dank gilt auch dem Medizinsoziologen Jost Bauch (1949–2018). Er konnte den Teil über Max Weber in wesentlichen Zügen noch lesen und ermuntern, die Philosophische Anthropologie in die Gesamtkonzeption aufzunehmen. Bauch selbst hatte sich in seinem Soziologieverständnis von Niklas Luhmann ausgehend immer mehr zu Arnold Gehlen hin orientiert. Zu dem Kapitel über die Philosophische Anthropologie riet Bauch, wenigstens Scheler, noch besser auch Gehlen zu behandeln. Dann verstarb Bauch unerwartet. Die Philosophische Anthropologie zu behandeln erforderte einen erheblichen Aufwand. Dabei galt es den Bezug zu den Tieren im Blick zu behalten, sei es auch nur für das Selbstverständnis des Menschen im Mensch-Tier-Vergleich, von dem eine Beziehung zu sich selbst und zu den Tieren abhängig bleibt. Für einen Menschen muss in einer Humanwissenschaft gelten: Nur von seiner Sonderstellung als Kulturwesen ausgehend kann er nach den Tieren suchen und seine Beziehungen zu ihnen hinterfragen. Wer Beziehungen hinterfragt, kann sie bewusst verändern oder ihrer Veränderung bewusst Grenzen setzen wollen. Dass das ein umkämpftes Feld ist, deutet sich damit an.“(S. 9 f)
Volker Kempf
Auf der Suche nach den Tieren in der deutschen Soziologie.
Max Weber, Alexander Rüstow und die Philosophische Anthropologie
Uhringen: GHV, 2025, 671Seiten, 29.90 Euro (ISBN 978-3-87336-868-2)
Günter Rohmoser hielt nichts von der postmodernen Beliebigkeit, er formulierte stattdessen ein konservatives Denken im Kontext der Moderne. Auch die in urbanen Unimilieus gerne vergessene Landwirtschaft thematisierte Rohrmoser (deshalb wird er auch vom Verfasser in der Werkanalyse „Auf der Suche nach den Tieren in der deutschen Soziologie“ entsprechend bedacht). Zu seinem Tode im Jahr 2008 hatte ich bereits einen Nachruf geschrieben, unter Rückgriff auf die damals neu erschienene Festschrift zu Rohrmosers 80. Geburtstag. 2027 hätte Rohrmoser bereits seinen 100. Geburtstag. Gegen das Vergessen dieses bemerkenswerten Denkers wird nachfolgend der Nachruf von 2008, der im Netzt nicht mehr zu finden ist, noch einmal hervorgeholt. (VK 09.04.2026)
Bei der Parlamentarischen Versammlung des Europarates in Straßburg gab es bei einem Besuch Ende Januar 2026 zunächst die Wahlen zum Präsidenten des Gremiums mitzuverfolgen. Auch wichtige Menschenrechtsthemen kamen zur Sprache. Ideologie- und Machtkämpfe wurden umso deutlicher, je länger die Sitzungswoche dauerte. Auch gemauert wurde, genauer an einer „Brandmauer“, wie sie in Deutschland schon gegen die AfD hochgezogen wurde. Bemerkenswert ist, dass selbst die Tiere nicht vergessen wurden, von der schwedischen Präsidentschaftskandidatin Victoria Tiblom aus der Fraktion der Konservativen und Patrioten, zu der auch die vier Vertreter aus der AfD-Bundestagsfraktion gehören. Den ausführlichen Bericht gibt es hier in der Rubrik:
„Aber wie ein Dunst lagert ein Gemisch von Schlagworten und veralteten Ideologien über der Wirklichkeit. Es fehlt am ursprünglichen, spontanen Fragen.“ (Walter Eucken)




Die Bundeskanzlerin Deutschlands trat am 24. Juni 2016 vor die Kameras und erklärte, die Entscheidung der Briten für einen Brexit müsse mit „historischem Bewußtsein“ mit Schlussfolgerungen bedacht werden. Dies wirft die Frage auf, welches „historisches Bewußtsein“ Frau Merkel hat, um den Brexit einzuordnen. Merkel meint: „Die Idee einer europäischen Einigung war eine Friedensidee“. Zwischen den Zeilen klingt das so, die Briten wollen keinen Frieden, weil sie dieser Friedensidee in ihrer konkreten weltlichen Gestalt EU nicht mehr folgen wollen. Wo den Briten der Schuh drückt, ist dann nachrangig. Mit dieser besserwisserischen Kultur des Weghörens spaltet Merkel Europa immer tiefer, sie ist damit selbst eine Ursache für den Brexit. Merkels historisches Bewußtsein ist befangen, weil sie selbst ein Teil des Problems ist.