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Deutsches Auslaufmodell?
Wolfgang Münchau hadert allzusehr mit dem Ordoliberalismus

Der in England lebende Wirtschaftsjournalist Wolfgang Münchau legt in Kaputt den Finger in Wunden. Die Landesbanken haben es dem Autor angetan, zu lange seien sie zu mit Spitzenpolitikern verflochten gewesen. Die alten Industriestrukturen seien so gegen den Marktdruck gehalten worden, auch von Gerhard Schöder (SPD), um damit seinen Weg ins Bundeskanzleramt zu gehen. Im Gegenzug sei zu wenig Kapital in Innovationen geflossen und so ihre Startbedingungen auf dem Markt geschmälert worden. Das billige Gas aus Russland habe dies nur verdeckt und die alte Industrie weiter gebrummt. Deutschland habe aber nun den Anschluss an Spitzentechnologien im IT-Bereich, in der E-Mobilität und beim Atomstrom verloren. Damit droht laut Buchuntertitel Das Ende des deutschen Wirtschaftwunders.

Damit spielt Münchau auf die im Buch erwähnte Denkschule des Ordoliberalismus von Walter Eucken und Ludwig Erhard an. Dagegen werden die Namen Friechdrich August von Hayek und Margarete Thatcher hochgehalten. Damit soll der schlanke Staat betont werden. Zu viel Geld versinkt im Sozialstaat, zu wenig gelangt in Investitionen. Dabei ist die Schieflage von Sozialstaat und marktwirtschaftlicher Vitalität ein ordoliberales Thema. Hier wären Literaturangaben hilfreich, welche Klassiker zugrunde gelegt werden, die vielleicht auch nur verkannt wurden. Die Schuldenbremse, die auch dem ordoliberalen Denken geschuldet sei, wird von Münchau aufzuheben befürwortet. Eucken wie Erhard wollten aber nichts kaputtsparen, sondern den Wohlfahrtsstaat nicht immer weiter ausbauen, um später noch hinreichend in Infrakstrukturen investieren zu können, in Straßen und Krankenhäuser (heute sicher auch in die Digitalisierung). Es galt den Ordoliberalen, eine Situation zu verhindern, in die Deutschland geriet und nun beklagt wird. Mit ordoliberaler Orientierung würde sicher an die Haushaltsdisziplin zu appellieren sein statt etwa Geld in alle Welt zu verteilen. Das vernachlässigt Münchau, aber er erkennt an, dass die unkontrollierte Zuwanderung in die Sozialsysteme abwegig ist, um eine Willkommenskultur für eine qualifizierte Einwanderung zu verlangen. Hier gilt es nach Münchau also mehr zu differenzieren, um nicht ausländerdiskriminierend zu werden. Selbst Friedrich Merz (CDU) habe vor der Bundestagswahl zu einseitig das Einwanderungsthema behandelt – wohl um mögliche AfD-Wähler zu gewinnen und am Ende mit linken Parteien zu koalieren. Dabei sollte auffallen, besagte Differenzierung wurde im Bundestagswahlkampf von Alice Weidel (AfD) in TV-Sendungen deutlich behauptet. Statt sich auf diese ökonomisch versierte Politikerin einzulassen, holt Münchau im Nachwort den Knüppel aus dem Sack, der den Namen Verfassungsschutz trägt. Damit ist leider das Ende einer Diskussion erreicht, ehe sie beginnt.

Die Analyse des Buches von Münchau ist über weite strecken bedenkenswert, aber der Ordoliberalismus gibt bei genauerer Betrachtung auch mehr her als er mit manchmal etwas flotter Feder wahrhaben will.

Wolfgang Münchau: Kaputt. Das Ende des deutschen Wirtschaftswunders. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2025, gebunden, 256 Seiten, 22 Euro.

 

  • Hans Freyer

Es gibt einige für das Thema der Mensch-Tier-Verhältnisse relevante Klassiker, die in der Soziologie bedacht werden können. Nachfolgend ein Blick in  Hans Freyers Theorie des gegenwärtigen Zeitalters (1955).
Hans Freyer (1887–1969), der „Stammvater“ der neue­ren „Leipziger Schule“, sprach in  Theo­rie des gegenwärtigen Zeit­­­alters (1955) von sekun­dären Syste­­men, in de­nen Welt­er­fahrung mit­telbarer und der Erfah­rungs­verlust un­aus­­weich­lich werde.[1] Freyer ging da­von aus, dass eine Zeit lang ver­schie­­dene Zeit­alter sich über­lagern. Er stellte an den An­­fang seines Bu­ches den Ochsenwagen als Zeugnis der zurücklie­gen­den Epoche, dem er in Italien begegnet sei. Be­vor es mit jenem Gespann bergauf­­­wärts ging, gab es eine Pause, die Och­sen bekamen ein paar Trau­­ben. Das alte, primäre System ist mit der Na­tur, ihrem Rhyth­mus und den Tieren im unmittelbaren Kon­­­takt. Im sekundären System, einer zweiten Ordnung, die vom Menschen geschaf­­fen wurde, werden Och­se und Pferd als Fort­be­we­gungsmittel ersetzt. Das neue System besteht „zum guten Teil aus aus­­ge­beu­­teter und indu­striell ver­arbei­teter Erde“. Was in wel­chem Maße aus der Erde geholt wird, das sei eine „nüch­terne Ethik“ im „Um­­­­gang mit den Sa­chen“. „Ma­terie blickt uns nicht mit Au­gen an wie ein Tier, geht auf keine Lieb­kosung ein, zuckt nicht zurück, wenn sie ge­schunden wird“. Das bedeutet beste Vor­aus­­setzun­gen für eine indu­­strielle Aus­beutung der na­türlichen Umwelt im Zuge der Mach­barkeit der Sachen. Was dem „Le­­­ben­digen“ gegenüber die „War­tung und Pflege“, das sei „dem Stoff ge­gen­­über die Spar­sam­keit“. In der Lo­gik des se­kun­dä­ren Systems liegt es, sich über die Kul­­tur der Sparsamkeit hinweg­zu­setzen, die gerade auch eine bäuerliche ist. Den Bau­ern vor Au­gen ist die Kul­tur der Pflege, die dem Tier in Du-Be­geg­nung ent­­gegen­ge­bracht wird, noch nicht überlagert von einer ent­­grenzten tech­nisch-öko­no­mischen Ra­tio­na­lität. Das wäre der lo­gisch nächste Schritt. Der Mensch selbst drohe damit zum An­­ge­passten des Systems zu wer­­­den, der sein Leben nicht selbst­be­stimmt zu füh­­ren ver­­mag. Dass diese Lo­gik, die mit Max Webers Theo­rem der büro­kratischen Herr­schaft der „Sa­chen­ver­wal­tung“[2] verbun­den ist, vollständig zutreffend ist, daran zwei­­felte Freyer zur Zeit der von Ludwig Erhard betriebenen Rückkehr Deutsch­lands zum Welt­markt.[3] Ohne „Zweck­­­opti­mis­mus“ ver­brei­ten zu wol­len, hielt Fre­y­er aus histo­rischer Erfah­run­g beide Ent­wick­lungen für mög­lich, also auch eine zu „Wand­lungen der Menschlich­keit“[4] – auch im Angesicht der Tiere.

[1] Freyer, H., Theorie des gegenwärtigen Zeitalters, 1955/1956, S. 29.

[2] Ebenda, S. 21, 104, 247.

[3] Vgl. Erhard, L., Deutschlands Rückkehr zum Weltmarkt, 1953.

[4] Vgl. Freyer, H., a.a.O., S. 245.

 

Rezension  (zuerst in Junge Freiheit vom 12. Juni 2025) zu:
Peter Sloterdijk: Der Kontinent ohne Eigenschaften. Lese-zeichen im Buch Europa. Suhrkamp, Berlin 2024, gebunden, 296 Seiten, 28 Euro

Auf der Suche nach schöpferischer Leidenschaft
Der Philosoph Peter Sloterdijk denkt in verschiedenen Lektionen über das Gemeinwesen Europa nach und will damit Orientierung stiften.
Volker Kempf

Peter Sloterdijks „Der Kontinent ohne Eigenschaften“ könnte auch lauten: „Auf der Suche nach Europa“. Wo lohnt es sich zu suchen? Um die Ausgangslage deutlich zu machen, knüpft Sloterdijk an ein Henry Kissinger in den Mund gelegtes Bonmont an, er wisse nicht, welche Nummer er wählen könne, falls er Europa an das Telefon bekommen solle. Der wahre Kern leuchtet ein, eine Nation mit Bundeskanzler ist Europa nicht. Frau von der Leyen anrufen? Sie ist der Kopf eines undurchsichtigen politischen Großgebildes, aber Europa ist das nicht.

Der Buchtitel, der auf Robert Musils Romanheld vom Mann ohne Eigenschaften anspielt, verspricht etwas von „Eigenschaftslosigkeit“, von „wohltemperierter Unauffälligkeit“. Konsumwerte könnten Aufschluß geben. Der gemittelte Europäer trinkt im Jahr elf Kilogramm Alkohol, gibt 13 Prozent seines Budgets für Mobilitätskosten aus und verfügt über eine Lebensarbeitszeit von 35,9 Jahren; der CO2-Ausstoß beträgt 7,8 Tonnen. Da weiß man, worauf es Europa ankommt. Auf das Reisen etwa. Wer nach Rom reist, sucht die europäische Geschichte.

Ein paar Lesezeichen durch die Geschichte Europas legt Sloterdijk vor, die alten Römer, das Latein-Europa, der Drang zur Überdehnung. Das rückt näher an das 19. Jahrhundert heran, in dem das „Gespenst des Kommunismus“ umging; noch unheimlicher sei das Gespenst der Dekadenz. Auch die Franzosen dürften sich angesprochen fühlen – so beruht Sloterdijks Werk auf Vorträgen 2024 in Paris. Ein Lesezeichen gilt Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“. Nachrufe auf Europa zu halten würden sich heute einige anschicken, „wobei manche die Dahingegangene als Selbstmörderin bezeichneten – man weiß nicht, ob vorwurfsvoll oder bedauernd.“ Totgesagte leben oft länger. Das meint Sloterdijk, indem er sich wenig verwundert zeigt, wenn Michel Onfray als „Epigone Spenglers ‘unserer judäo-christlichen Zivilisation’“  nachsage, sie sei ‘tot’“, um hinzuzufügen, es bleibe „zwischen Totsagung in Abwesenheit von Presse und Fernsehkameras und der Ausstellung eines Totenscheins durch Personal mit Leichenhallenerfahrung ein Unterschied, den man nicht ganz außer acht lassen sollte“. Ehe man den Untergang des Abendlandes feststellt, gelte es zu sehen, die Vergangenheit wirke fort. Etwas ratlos geworden zwar, aber auf der Suche nach Orientierung helfe die Verortung im Strom der Zeit weiter.

Das mit vierzig Seiten breiteste Lesezeichen gilt Eugen Rosenstock-Huessy. Dieser Historiker und Soziologe legte 1938 ein Buch über den westlichen Mann vor: „Out of Revolution“. Dem liegt die „Erhellungsmethode“ der Autobiographie zugrunde, die Licht in das Dunkel vom „amorphen Quasi-Gegenstand Europa“ bringe. Sloterdijk liest das als Zeugnis eines Rückkehrers aus dem Ersten Weltkrieg und trifft sein geistiges Zentrum: „Seine Überzeugung, die menschliche Geschichte im ganzen, die europäische Geschichte des letzten Jahrtausend im besonderen, könne nur aus der Bewegung der Leidenschaften, der Bekenntnisse, der Inspiration begriffen werden, bringt ihm die Verlegenheit ein, die Unterscheidung der Begeisterung vollziehen zu müssen, ohne Kriterien vorwegnehmen zu können.“ Die Unterscheidung zwischen noblem Enthusiasmus und Eruptionen von Massenwahn komme zu kurz. Dabei war sich Rosenstock in seinem Gesamtwerk bewußt, wie Massenwahn entchristlicht um sich greift, im Hitler-Deutschland. Rosenstock-Huessy ging es immer um das christliche Erbe, Sloterdijk hingegen betont die Befreiung aus der christlichen Enge von einst als Wegmarke in die Freiheit. Hier dürfte das letzte Wort um die Geschichte Europas und ihrer Bedeutung nicht gesprochen sein. Das Kapitel über Rosenstock-Huessy könnte als Einführung in sein Denken durchgehen. Auch offensichtliche Schwachpunkte spürt Sloterdijk auf, wie sie bei jedem Denker zu finden sind. Sloterdijk selbst ist nicht vor Schwachstellen gefeit, aber das spricht nicht gegen ein gelungenes Buch.

Mit Blick in dieses Buch kann man sich am Ende fragen, ob Angela Merkel als Kanzlerin nicht eine Frau ohne Eigenschaften war, deren Erbe sich nicht nur Deutschland überdrüssig erweist, das sich für eine Alternative begeistern will, als immer nur für ein paar Ziffern aus der CO2-Bilanz, der Dekadenzwerte beim Alkoholkonsum und neuerdings dem legalisierten Cannabis. Europa ist mehr als das, dazu braucht es geistiger Nahrung, an der Sloterdijk reich ist.

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Bundesrepublik wird zur „besten DDR, die es je gab“

Ein umfangreiches Kompendium des 2003 verstorbenen Sozialwissenschaftlers Erwin K. Scheuch liegt vor

Volker Kempf

Von bedeutenden Persönlichkeiten der Sozial- und Wissenschaftsgeschichte bleibt meist ein zentraler Gedanke in Erinnerung. Bei Max Weber dürfte als erstes seine Theorie von der Bedeutung des Calvinismus für die Entstehung des Kapitalismus haften geblieben sein, bei Helmut Schelsky seine kämpferische Art, wie sie in „Die Arbeit tun die anderen“ zum Ausdruck kommt, und bei Erwin K. Scheuch, dem letzten Klassiker der deutschen Soziologie, sein entschlossenes Forschen und Publizieren ohne Rücksicht auf Empfindlichkeiten in der Politik. Das bekannteste Buch Scheuchs, das er zusammen mit seiner Frau Ute vorgelegt hat, ist dann auch die Studie „Cliquen, Klüngel und Karrieren“, das „Über den Verfall der politischen Parteien“ handelt – oder genauer: den Verfall der politischen Kultur. Ute Scheuch ruft nach ihrer einbändigen Biographie aus dem Jahre 2008 sieben Jahre später in ihrer nunmehr dreibändigen Biographie den ganzen Erwin K. Scheuch in Erinnerung.

Bundesrepublik wird zur „besten DDR, die es je gab“

Über die Person Erwin K. Scheuch wird ein Panorama der Sozial- und Wissenschaftsgeschichte eröffnet und eine Zeitreise durch die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Zum wichtigsten Vertreter der Kölner Schule neben René König aufgestiegen, scheinen die Abgrenzungskonflikte der verschiedenen akademischen „Schulen“ auf, aber auch die totalitären Wirren im „roten Jahrzehnt“, über die Ute Scheuch 2008 bereits einen eigenen Wurf landete und nun die Reaktionen darauf präsentiert.

Erwin K. Scheuch selbst nahm eine „pessimistische Einschätzung über das Fortleben der ‘68er’ nach ihrem ‘langen Marsch durch die Institutionen’“ vor und behielt den damit verbundenen Dogmatismus im Blick, wenn er in seiner Aufsatzsammlung „Muß Sozialismus mißlingen?“ schrieb: „Es wird sich erweisen: Der reale Sozialismus störte eher. Jetzt ist die Zeit eines utopischen Sozialismus wieder gekommen, der mehr ist als ein Appell an edle Gefühle – ein Sozialismus als Gegenaufklärung, ein Sozialismus, der die Herrschaft einer überflüssigen Kaste rechtfertigt.“

Verblüffende Erfahrungen machte Scheuch an seinem Kölner Lehrstuhl aber auch mit heute so selbstverständlich gewordenen Dingen wie der „Auftragsforschung“, bei der etwa Energieverbrauchsprognosen einfach vorgegeben wurden, welche aber illusorisch waren. Erwin K. Scheuchs Hauptwerk wurde gerade noch zu Lebzeiten des 2003 Verstorbenen fertiggestellt, trägt den Titel „Sozialer Wandel“, umfaßt zwei Bände und könnte heute aufgrund aktueller Phänomene wie der Euro-Krise fortgeschrieben werden. Erwin K. Scheuch – das wird noch einmal deutlich – arbeitete sowohl wissenschaftlich fundiert als auch allgemein verständlich, mitunter sogar mit Wortwitz, wenn er 1995 formulierte, die Bundesrepublik entwickele sich zur „besten DDR, die es je gab“.

Vor allem fand der Soziologe immer wieder Themen von großer allgemeiner Relevanz und schreckte auch nicht vor „heißen Eisen“ wie „‘Ausländerfeindlichkeit’ – Sachprobleme oder agitatorische Keule?“ zurück, worauf Ute Scheuch abschließend eingeht. Heute dagegen werden die Leser sozialwissenschaftlicher Literatur meist entweder mit ausweichenden Themen gelangweilt, oder die Gesinnungsethik wird überbetont, um ja nicht anzuecken.

Erwin K. Scheuchs Stimme fehlt heute in der akademischen Gleichtönigkeit ganz besonders. Um so wichtiger ist es, sich über Ute Scheuchs „soziologische Hintertreppe“ einen originären Zugang zur Sozial- und Wissenschaftsgeschichte des Kölner Soziologen zu verschaffen. Dabei eignet sich das vorliegende Werk auch als Nachschlagewerk, um einzelne Themen herauszugreifen, sich anregen zu lassen und sie weiterzudenken.

Ute Scheuch (Hrsg.): Erwin K. Scheuch. Wer da hat, dem wird gegeben. 3 Bände. Edwin Ferger Verlag, Bergisch Gladbach 2015, broschiert, 1.169 Seiten, 99 Euro

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Ist der Soziologe Prof. Helmut Schelsky (1912-1984) noch aktuell ?

Gastbeitrag von GEORG K. SCHMELZLE

Dipl. Sozialwirt, OStR.i.R.; D 26506 NORDEN / Ostfriesland,

Vortrag bei dem Johann-Heermann-Kreis der ev. Schlesischen Lehrer aus Ost und West, 45.Pädagogen-Tagung in Springe/Deister, Martin-Luther Haus am 8.Oktober 2013

Der führende deutsche Nachkriegsoziologe beschäftigt sich m.E. mit dem zweitwichtigsten Problem unser Gesellschaft mit der Verschulung der Jugend durch Bildungsneid. Das drängenste Problem ist die demographische Katastrophe, die schon Hochkulturen wie Rom und Griechenland zerstörte: Kinderarmut der tüchtigen Familien und vor allem die Ablehnung genetischer Unterschiede der Begabung  wegen des Glaubens an die Allmacht der Pädagogik Thilo Sarrazin hat das in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ vorsichtig angedeutet.

Aber auch die Pädagogik wird von dem Gesetz des abnehmenden Nutzenertrages beherrscht-

d.h. jedes Schuljahr bringt bei einer für die Bildungsinhalte nicht passenden Begabung kleinere Bildungserfolge – zuletzt schlägt die Verschulung ins Gegenteil um.(K.V.Müller)

Junge , praktisch begabte Jugendliche, die mit 16 Jahren schulmüde sind, werden total arbeitsunfähig, wenn sie die Ausbildung ihrer praktischen Fähigkeiten durch Verschulung altersmäßig vor der Volljährigkeit verpassen. Dabei gibt es viele Beispiele, daß nach einer frühen praktischen , dualen Lehre das Interesse an theoretischem Wissen wieder zunimmt. Die vielen Karrieren nach 1945 auf dem sog. „Zweiten Bildungsweg“ sind Zeugnis dafür.

Heute aber wird vielen dieser Aufstieg verstellt durch das Überangebot von Studierten ohne Praxiserfahrung, die sich die Posten sicher wollen. Deshalb streben noch mehr nach dem Abitur und dem Studium, auch wenn es nur durch Nachhilfe zu erwerben ist.

Nun zu Helmut Schelsky, der das Problem schon 1975 provokativ beim Namen nannte und sich dadurch den Haß der Soziologen der „Frankfurter Schule“ zuzog. Sein Buch „Die Arbeit tun die anderen – wider die Priesterherrschaft der Intellektuellen und Funktionäre“ war eine Hilferuf gegen die Verschulung, die mit der „Bildungskatastrophe“ von Prof. Georg Picht 1967 einsetzte, der meinte wir müssten wie in den USA 8o% Abiturienten ausbilden. Dabei vergaß er, daß das „High-School-Certificate“ nicht einmal der Mittleren Reife entsprach.

Schelsky verlor den Streit mit der „Frankfurter Schule“ und zog sich als Rektor der Reformuniversität Bielefeld wieder nach Münster zurück und starb verbittert bereits 1984 mit 72 Jahren. Die Verschulung in der Bundesrepublik konnte nicht mehr gestoppt werden die von der „Frankfurter Schule“ und Prof. Rene König(Köln) vertreten wurde.

Schelsky, der mit seinen Nachkriegswerken, besonders mit der „Skeptischen Generation“ große Anerkennung gewonnen hatte, fand keinen Nachfolger, der seine Warnungen weiter verbreiterte. Er wäre zu seinem 100. Geburtstag 2012 fast vergessen worden, wenn nicht der Soziologe Volker Kempf ein Buch mit dem Titel „Helmut Schelsky – Leben ,Werk, Aktualität“ mit einem Nachwort von Prof. Jost Bauch herausgebracht hätte. Volker Kempf ist Vorsitzender der „Herbert Gruhl-Gesellschaft“ – der erste GRÜNE, der sich in seiner Partei, der CDU, leider mit seinem Naturschutz (Buch: „Ein Planet wird geplündert“) nicht durchsetzen konnte).

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Ein Leben für die Freiheit: Julius Leber (1881-1945)

Julius Leber wurde am 16. November 1891 in Biesheim geboren, besuchte in Breisach die Höhere Bürgerschule und machte bei der Tapetenfabrik Erismann eine kaufmännische Ausbildung. Er erlangte 1912 in Freiburg das Abitur und wurde noch als Schüler Mitglied der SPD. Es folgte ein Studium der Nationalökonomie und Geschichte in Straßburg und Freiburg. Er schloß sich anfangs einem katholischen Studentenverein an. Als der I. Weltkrieg ausbrach, meldete sich Leber freiwillig zum Kriegsdienst und wurde Offizier. Nach dem Krieg diente Leber zunächst als Soldat zur Grenzsicherung im Osten. Er führte sein Studium fort und wurde an der Universität Freiburg zum Dr. rer. pol. promoviert. Politisch entwickelte sich Leber in der Weimarer Republik vom marxistischen zum reformerischen Flügel der SPD. Er wurde Lübecker Bürgerschafts- und Reichstagsabgeordneter.

Nach dem Krieg waren die Bürger ohne Zuversicht. Mit Hitler sollte Deutschland aufgerichtet und von der „Schmach von Versailles“ befreit werden, so die weit verbreitete Hoffnung. Leber teilte diese Hoffnung nicht. Drei Wochen nach der Machtübernahme Hitlers nahm Julius Leber am 19. Februar 1933 an einer großen Versammlung teil, auf der er das Wort „Freiheit“ ausrief. Dieses Wort meint mit Kant „die Unabhängigkeit von eines anderen nötigender Willkür“. Trotz seiner Wiederwahl zum Reichstagsabgeordneten wurde Leber zu 20 Monaten Haft verurteilt und bis 1937 in den Lagern Papenburg und Sachsenhausen interniert. Die Nationalsozialisten wähnten sich auf der Höhe ihrer Macht und damit sicher genug, Leber aus der Gefangenschaft zu entlassen.

1943 hatten Julius Leber und andere Verschwörer nach Erkundigungen unter Industriearbeitern den Eindruck gewonnen, dass der Führer-Mythos weiter wirkte, nicht zuletzt durch die Schrecken des Bombenkrieges. Hitler würde schon wieder eine Lösung finden, nur er, kein anderer könne das, glaubten viele. Wie würde in solch einer Situation ein Attentat auf Hitler aufgenommen werden? Würde das viel bringen?

Studiert man die Literatur zum „20. Juli 1944“, so sticht Julius Leber hier als einer der „tatentschlossensten Figuren des deutschen Widerstandes“ (Joachim Fest) hervor, der auf den 16 Jahre jüngeren Graf von Stauffenberg einen großen Eindruck machte. Stauffenberg, der militärisch-konservativen Widerstandskreisen angehörte, erkannte die sozialdemokratischen Rettungsversuche der Weimarer Republik an. Er hätte Leber für den Fall eines erfolgreichen Staatsstreiches gerne als Kanzler oder Innenminister einer Übergangsregierung gesehen. Ende Juni 1944 wurde Leber ein Treffen mit Kommunisten zum Verhängnis, auf dem ein Spitzel zugegen war. Er wurde verhaftet, noch ehe es zum Attentat kam. Stauffenberg brauchte den erfahrenen, von ideologischer Beengtheit freien Sozialdemokraten und wollte ihn befreien. Doch der Staatsstreich misslang. Vor seiner Hinrichtung am 5. Januar 1945 mußte sich Leber dem Volksgerichtshof stellen, vor dem der Einzelne keine Rechte mehr hatte.

Leber zweifelte nicht, dass für die Freiheitsrechte der Einsatz des eigenen Lebens ein angemessener Preis sei. Heute bilden diese Rechte den Kernsatz der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland. Kein Kampf für ein Volksganzes, für dies oder das kann das relativieren, nach der Devise, „für eine ‚gute’ Sache sollte man das nicht so genau nehmen“. Eine geschriebene Verfassung hat aber nur Bestand, wenn sie auch gelebt wird. „Jeder muss die Rechte der anderen respektieren“, lautet ein pädagogischer Hinweis in Schulklassen der Julius-Leber-Schule. Schließlich will jeder, dass auch seine Rechte geachtet werden. Dieses Prinzip der Gegenseitigkeit will früh eingeübt und später vorgelebt werden. Es bedeutet Verlässlichkeit und stellt Planungen auf den sicheren Grund der Dauer. Mut zum Widerspruch, wo dieses Prinzip verletzt wird, ist wichtig. Transparenz in Entscheidungsprozessen bleibt eine wichtige Voraussetzung für den mündigen Bürger.

Was Freiheit heute bedeutet und voraussetzt, darüber ließe sich vieles mehr sagen. Fest steht, Julius Leber regt auch 120 Jahre nach seiner Geburt zum Nachdenken über dieses wichtige Thema an. In Zeiten, in denen große Vorbilder und eine geistige Orientierung rar sind, kann Julius Leber als Namenspatron einer Schule in Breisach nur als Glücksfall und hoher Anspruch zugleich gesehen werden.

Es verstand sich Leber übrigens als Elsässer, bewahrte sich seinen Dialekt und blieb seinen Wurzeln treu. Er besuchte jährlich seine Mutter in Biesheim. Leber war auch Anhänger der elsässischen Autonomiebewegung. Das Schicksal dieser Bewegung mit ansehen zu müssen, wie sie auch nach dem Krieg im Elsass in eine Zeit der Unterdrückung geriet, blieb Leber erspart und wäre aufgrund der weitgehenden Nichtbeachtung ein eigenes Thema wert.

(Volker Kempf, Breisach aktuell, 16.11.2011)