Zugewanderter Antisemitismus?

Der Sonntag vom 16. April

In den letzten Tagen sorgten zwei Meldungen für Schlagzeilen, erstens ein in Berlin von muslimischen Mitschülern gemobbtes jüdisches Kind. Eine Sudie wird in diesem Zusammenhang gerne genannt, wonach unter muslimischen Schülern antijüdische Vorurteile vergleichsweise häufig seien. Dr. Frauke Petry erklärte aus gegebenem Anlaß, die AfD sei „Garant jüdischen Lebens“ in Deutschland. Dem ist beizupflichten.

Mit der massenhaften Zuwanderung aus islamischen Staaten wandert der in diesen Ländern verbreitete Antisemitismus mit ein. Wie sollte es anders sein? Nicht einmal kontrolliert wurde die deutsche Grenze im Zuge ihrer Öffnung 2015/2016. Das Thema des einwandernden Antisemitismus wurde offenbar von Angela Merkel und der Großen Koalition aus Union und SPD zu leicht genommen.

Wenig verwunderlich also, dass – in Der Sonntag vom 16. April 2017- die Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde in Freiburg per Interview konstatieren muss, der Anteil von AfD-Wählern sei unter jüdischen Gemeindemitgliedern in Freiburg hoch, er läge bei 30 bis 40 Prozent unter den Vertretern der älteren Generation. Das ist beachtlich. Vor allem handle es sich um jüdische Mitbürger, die aus der früheren UdSSR eingewandert seien. Unter Rußlanddeutschen ist der Anteil an AfD-Wählern ohnehin recht hoch. Ein dort verbreitetes, noch nicht durchgegendertes Familienbild paßt eher zur AfD als zu anderen Parteien. Viele sehen in der Proklamation „Der Islam gehört zu Deutschland“ eher eine Drohung denn eine Verheißung und wenden sich von Merkel ab. Ganz geheuer scheint das der Freiburger Gemeindevorsitzenden nicht zu sein, sie fürchtet gar, dass in der AfD die Stimmung kippen könnte. Aber warum sollte es unter jüdischen Mitbürgern nicht auch wie unter christlichen Mitbürgern unterschiedliche Wählerströmungen geben, eben auch solche der AfD in beachtlicher Ausprägung? Und sogar jüdische AfD-Bundestagskandidaten gibt es. Ist das nicht ein Skandal?

Besagte Vorsitzende der Israelischen Gemeinde Freiburgs äußert Unverständnis. Dabei sollte es doch normal sein, dass auch jüdische Mitbürger sich in einer der demokratisch legitimierten Parteien einbrigen. Ich habe damit kein Problem, wohl aber damit, dass es schon einen massiven Farbanschlag auf ein Wohnhaus eines jüdischen AfD-Kandidaten zur Landtagswahl in Stuttgart gab. Das fand so gut wie kein öffentliches Interesse, nur viel beredtes Schweigen. Auch wurden schon zur Bundestagswahl 2013 Plakate des bekanntermaßen jüdischen AfD-Kandidaten aus Lörrach antisemitisch beschmiert – und auch sonst werden AfD-Politiker und deren Wahlkampf vergleichsweise häufig  angegangen. Hier liegt der Skandal.

Über zwei jüdische Philosophen habe ich meine  (bei Peter Lang Verlag veröffentlichte) Diplomarbeit geschrieben, nicht weil ich jüdische Studien betreibe, sondern als Soziologe und Philosoph die Überlegungen der Denker Günther Anders und Georg Simmel für bedeutsam halte. Nebenbei erfuhr ich über deren Biographie auch einiges über den Antisemitismus im frühen 20. Jahrundert. Heute haben wir das 21. Jahrhundert, in dem es auch hierzulande Antisemitismus von links und rechts gibt. Aber mit dem Islam gibt es zusätzliche Probleme.

Die „Renaissance des Islam“ ist die Herausfordung des „unübersehbar“ gewordenen 21. Jahrhunderts, urteilte Günther Anders im Oktober 1990 in seinem letzten großen Interview. Frankreich ist hier leider lebensweltlich zum Vorläufer geworden, jüdisches Lebens hier immer mehr unter Druck geraten und immer weniger noch sichtbar. Der islamische Terror schlägt längst zu, in Israel gegen Juden, in Frankreich und Deutschland trifft es meist Christen, etwa im Dezember 2016 auf einem Berliner Weihnachtsmarkt. Ungläubige sind für Islamisten Christen wie auch Juden, beide  zählen zu den in vielen islamischen Ländern verfolgten Gruppen. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, nicht der Zuwanderungsleichtsinn der Bundesregierung.
(Volker Kempf, 16./18. April 2017)

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