Ein Ökonom auf der Suche nach Wirklichkeit

Ein Ökonom auf der Suche nach Wirklichkeit

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Hans Christoph Binswanger gilt als „Vater“ einer ökologischen Steuerreform und ist als Doktorvater des langjährigen Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann einem breiten Publikum bekannt. In Fachkreisen ist der Emeritus für Volkswirtschaftslehre der Universität St. Gallen aber als Wachstumsskeptiker anerkannt. Bereits vor 50 Jahren erkannte der Schweizer Ökonom, daß die neoklassische Theorie mit ihrem Rekurs auf die Faktoren Arbeit, Kapital und technischen Fortschritt zur Erklärung von Wirtschaftswachstum zu kurz greift. Es fehlt der Naturverbrauch als Schlüsselgröße.

Die Natur gibt es zwar gratis, und mit ihr lassen sich auch die größten Gewinne erzielen. Es gibt natürliche Ressourcen aber nur in Grenzen, sie werden verbraucht oder ökologisch verschlissen. Dieser Gedanke Binswangers, bereits vor dem Erscheinen der „Grenzen des Wachstums“ (1972) des Club of Rome entfaltet, fehlt in seinem aktuellen Aufsatzband „Die Wirklichkeit als Herausforderung – Grenzgänge eines Ökonomen“ nicht. Neu ist, daß Binswanger vor allem die vorwissenschaftlichen Momente, die ihn antreiben, entfaltet.

Binswanger geht im ersten Beitrag gleich aufs Ganze: „Was war am Anfang? – Gedanken zum Ursprung der Welt“. Daß es die Welt gibt, kann für Binswanger kein Zufall sein: „Wir können uns immer auch auf das Nichtwissen zurückziehen, die Suche nach Wirklichkeit also beim Urknall abbrechen. Wenn wir dies aber nicht tun wollen und uns veranlaßt sehen, die Spurensuche über die Anfangsgrenze hinaus fortzusetzen, dann müssen wir anerkennen, daß Gott als Inbegriff der geistigen Wirklichkeit die ursprüngliche Wirklichkeit ist, die die materielle Wirklichkeit und damit auch die Naturgesetze geschaffen hat.“ Binswanger spricht nicht zufällig von der Schöpfung, wo ebenso von Ökosystemen die Rede sein könnte.

Der in Zürich und Kiel ausgebildete Binswanger präsentiert sich einmal mehr als Kenner Goethes, den er immer wieder unter besonderer Berücksichtigung des „Faust“ als eine frühe Wachstumskritik im Zeitalter der technischen Revolutionen deutet: Wer kann einem exponentiellen Wachstum, das der „Zauberlehrling“ mit den Geistern auslöste, die er rief, im heutigen real existierenden Fall Einhalt gebieten? Wenn das niemand kann, ist für Binswanger der Fall klar: Da jedem Wachstum an anderer Stelle logisch zwingend eine Schrumpfung gegenübersteht, wird der Planet Erde ausgeplündert und dessen Regenerationskräfte werden überbeansprucht.

Die Kräfte des Maßhaltens, die in dieser Situation gefragt sind, findet Binswanger im biblisch ausgesprochenen Ruhen des siebten Schöpfungstages. „Wenn wir in Ruhe die Freude Gottes über das gelungene Werk mitgenießen“, schreibt Binswanger, dann könnten wir wieder in Ruhe in der Wirtschaft finden, damit sie wieder dem Leben diene und nicht zum Selbstzweck wird und so „die Schöpfung als Geschenk erhalten bleibt“. Nicht nur Religion, auch Kunst oder Dichtung zieht Binswanger heran, um die Wirklichkeit ganz unterschiedlich zu erfassen.

Aber letztlich ist auf den abschließenden Aufsatz „Die Ursprünge des Staates und seine Entwicklung zum Weltstaat“ abzustellen, mit dem er ein Resümee über den Fortgang der sich globalisierenden Zivilisation zieht. Unter dem Gesichtspunkt der ökonomischen und politischen Logik gibt es für Binswanger eine Tendenz zur Bildung eines Weltstaates. Die unendliche Geldschöpfung in einer endlichen Welt werde immer mehr natürliche Ressourcen verbrauchen – und die weltweite Rationierung der Ressourcen virulent werden lassen.

Ob die Tendenz zum Weltstaat eher dem Erhalt bestehender Machtpositionen oder der Förderung des Gemeinwohles dienen wird, hält Binswanger für offen. Klar sei nur, daß ein Weltstaat immer auch an Grenzen stoßen und ein hybrides Gebilde bleiben wird. Eine globale Währungsunion etwa scheitert bereits auf der vergleichsweise überschaubaren Ebene EU, weil hier eine echte staatliche Grundlage fehlt. Es seien nicht zuletzt die unterschiedlichen Kulturen, die einem Weltstaat Grenzen setzen und eine konfliktreiche Zukunft versprechen.

Die ökonomische Sachgesetzlichkeit (Helmut Schelsky) fordert ihren Tribut und verlangt, sich keinesfalls in politischen Wunschwelten zu verlieren. Denn dann würde die Kraft zu einer konstruktiven Mitgestaltung der Wirklichkeit verloren gehen. Ein Scheitern zugunsten von wachsendem Chaos liegt für Binswanger im Bereich des Möglichen. Keine abschließenden Antworten bietet Binswanger, sondern ein suchendes Tasten nach Wirklichkeit. Diese Suche eröffnet den Lesern neue Blickwinkel, ist geistreich, originell und regt zum Nachdenken an.

 

Bücher von Hans Christoph Binswanger:

www.alexandria.unisg.ch/persons/930

 

Hans Christoph Binswanger: Die Wirklichkeit als Herausforderung. Murmann Verlag, Hamburg 2016, 184 Seiten, gebunden, 20 Euro.

(Erstveröffentlichung in Junge Freiheit, 26. Januar 2017)

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